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Zweimal im Jahr kommen die XY-Frauen für ein langes Wochenende zusammen: Im Frühjahr treffen wir uns mit der XY-Elterngruppe und tagen gemeinsam, im Herbst treffen sich nur die XY-Frauen zum persönlichen Austausch miteinander.
Diese Treffen sind sehr wichtig für die Gruppe und für jede einzelne von uns. Es tut immer wieder gut zu erfahren: Wir sind nicht allein, wir sind viele! Die Gruppe ist für uns alle eine Heimat geworden. Wir können uns gegenseitig helfen, mit Problemen fertigzuwerden. Darüber hinaus diskutieren wir Möglichkeiten der Öffentlichkeitsarbeit über die eigene Webseite hinaus, Formen der Zusammenarbeit mit Ärzten und vieles mehr.
Beim Frühjahrstreffen 2003 vom 28. bis 30. März in Wuppertal waren 26 XY-Frauen dabei, hinzu kamen zwei Elternpaare, deren Töchter in der Gruppe organisiert sind und die Eltern von sechs intersexuellen Kindern, die in der XY-Elterngruppe organisiert sind.

Wie immer, trafen wir uns am Freitagabend in gemütlicher Kneipenatmosphäre zum Kennenlernen und Aufwärmen. Alte Kontakte wurden aufgefrischt und neue geknüpft, es herrschte von Beginn an eine lebendige und kraftspendende Atmosphäre, die sich im weiteren Verlauf des Treffens noch vertiefen sollte.
Am Samstag und Sonntag ging es im Wechsel mit Plenumssitzungen, getrennten Gesprächsrunden der Betroffenen und der Eltern und konkreten Themen-AGs weiter. Unter anderem wurde beschlossen, dass die XY-Frauen sich in Kürze die Rechtsform eines eingetragenen gemeinnützigen Vereins geben, um unsere Arbeit auf eine festere Basis zu stellen.

In der Runde der Betroffenen hatten zuerst die "Neuen" das Wort, denn jedes Mal kommen neue Frauen dazu, die über unsere Webseite zu uns gefunden haben. Alex aus Österreich war das erste Mal dabei. Sie berichtete freimütig und offen von ihrer komplizierten Lebensgeschichte, die für zunächst zwei Jahre als Junge begann, bevor sie dann in mehreren OPs als Mädchen zugerichtet wurde. Es folgten eine schwierige Jugend- und Adoleszenzzeit, in der vor allem in der Pubertät ein destruktiver Selbsthass heranwuchs, der sich in Selbstverstümmelungen und versuchten Selbsttötungen äußerte. Suchterfahrungen und Krankheit (Leukämie) bestimmten den weiteren Lebensweg, bis Alex beschloss, da sie nun einmal in diesem Körper zum Leben "verdammt" war, aus diesem Leben endlich etwas zu machen. Eine NLP-Ausbildung gab Alex die Kraft, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen und in ihrem Heimatland Verständnis für Intersexuelle zu fördern. Alex trat mehrfach im Radio und im TV auf, momentan arbeitet sie zusammen mit einer Wiener Filmemacherin an einer abendfüllenden Dokumentation. Für ihr weiteres Leben behält sich Alex vor, möglicherweise irgendwann als Mann weiter leben zu wollen. Das hält sie sich, sehr zur Überraschung einiger anderer Betroffener, ganz bewusst offen: "Wer weiß, wie ich mich weiter entwickeln werde, vielleicht wechsle ich irgendwann doch nochmal die Seite."

Am Nachmittag diskutierten wir über die Selbstdefinition der Gruppe. Es ging um die Frage, was sind wir/was wollen wir sein: Selbsthilfegruppe, Anlaufstelle für Betroffene und Eltern, politische Kraft und/oder Dienstleistende für Eltern.

Als Ziele der Gruppe hielten wir fest:
1. Selbsthilfegruppe:
Austausch, Diskussion und Aufarbeiten der eigenen Geschichte.
2. Öffentlichkeitsarbeit:
- Schaffung von Medienpräsenz in den klassischen Bereichen Presse, Rundfunk, TV.
- ästhetische Aufarbeitung des Themas Intersexualität: Beispiele wie Alex’ Film oder Kinderbücher zum Thema sollen Schule machen.
3. Beratungen und Dienstleistungen:
Beratungsleistungen anderen Betroffenen und Eltern gegenüber sind erklärtes Ziel, das "Wie" muss noch weiter diskutiert werden.

Dann ging es um die Unterschiede zwischen der Gruppe der CAIS-Betroffenen einerseits und der der Betroffenen mit PAIS, 5- alpha- Reduktasemangel, 17- beta- HSD oder Gonadendysgenesie andererseits: Die letztgenannten müssen sich in einem viel stärkerem Maße als CAIS-Betroffene mit der Frage auseinandersetzen: Wer bin ich überhaupt? Was wäre aus mir geworden, wenn der Natur freier Lauf gelassen worden wäre?
Viele, die mit intersexuellem Genitale auf die Welt gekommen sind und chirugisch "genitalkorrigiert" wurden, fühlen sich heute nicht als ganz. Dieses Gefühl der Ganzheit wird als ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Gruppen erkannt. Die reine Entfernung der Gonaden verletzt dieses Gefühl der körperlichen Integrität nicht so stark, wenngleich manche die Gonaden schon gespürt haben und/oder unter ihrer Entfernung leiden. PAIS-Betroffene und andere werden schneller mit der Frage "Zwitter, Hermaphrodit, halber Mann" konfrontiert als CAIS-Frauen. Diese dürfen sich so entwickeln, "wie es gedacht war". Die meisten XY-Frauen empfinden den Begriff des Zwitters jedoch als diskriminierend. Konsens besteht darin, dass die Schwierigkeit, nicht hundertprozentig dem gängigen Frau-Schema zu entsprechen und die Problematik, keine oder eine nicht vollständige Frau zu sein, jede quält. Alle haben sich abgemüht, einem bestimmten Frauenbild zu entsprechen, die Grade sind jedoch bei CAIS-Frauen und anderen XY-Frauen unterschiedlich. Auch das Gefühl einer geraubten und einer künstlich aufgepfropften Identität teilen viele derer, deren Geschlecht nicht eindeutig weiblich war und ist. Fest steht: Unterschiedliche Ansichten sollen nicht unter den Tisch gekehrt, sondern integriert werden. Die Diskussion darüber verbindet uns letztlich auch wieder. Denn das größte Problem ist das gesellschaftlich aufgezwungene Schweigegebot und Redeverbot.
Weiter wurde das Problem der fehlenden Vorbilder diskutiert: Es gibt keine positiven Vorbilder. Genau diese Vorbilder gilt es zu erarbeiten. Wir sind auf der Suche nach einer positiven Selbstdefinition jenseits von Mangel und Pathologie. Kritik an der geschlechtlichen Bipolarität wird formuliert: Das Entweder/Oder von Frau und Mann muss aufgebrochen werden. Die Frage steht im Raum, ob eine Gesellschaft, in der geschlechtliche Zuordnungen zunehmend unwichtig werden, eine "postgender"-Gesellschaft also, eine positive Utopie ist.

Für die weitere Zusammenarbeit mit der Elterngruppe wurde beschlossen, dass es in Zukunft eine gemischte Eltern-Betroffenen-AG geben soll: Ausdrücklich wollen die Betroffenen keine externen Berater der Eltern sein. Die erwachsenen XY-Frauen können und wollen keine Verantwortung für intersexuelle Kinder übernehmen oder gar an die Elternstelle treten. Die Gruppe kann die Eltern unterstützen in ihrem Mut, ihren Kindern die Wahrheit zu sagen, und diese auf ihrem Weg zu einer gesunden Identität zu begleiten. Aber Einmischung oder Beteiligung an familieninternen Prozessen wird auf keinen Fall gewünscht, die Betroffenen können nur ihre Erfahrungen weitergeben.

In der Elterngruppe selbst ging es einerseits um den Erfahrungs- und Informationsaustausch, andererseits um die Planung einer gezielten Öffentlichkeitsarbeit, "damit vieles anders läuft". Folgende Punkte wurden unter anderem besprochen:

• Alle berichten, dass die Kinder ihr Anderssein spüren, ohne dass ihnen jemand etwas sagt: Frühzeitige Aufklärung ist ein wichtiges Thema.
• PAIS oder Gonadendysgenesie sind äußerlich sichtbar. Daher müssen sich die Kinder auf eine ganz andere Weise mit ihrer Intersexualität auseinandersetzen. Diese Kinder sollten auf jeden Fall so früh wie möglich aufgeklärt werden. CAIS ist nicht offensichtlich. Daher stellt sich die Frage, wann die Kinder aufgeklärt werden sollen. Soll man die Kinder von Anfang an altersgemäß aufklären oder, wie auch jemand meinte, ihnen eine "unbeschwerte Kindheit" lassen. Übereinstimmung bestand darin, dass diese Kinder stärker sind, wenn sie von Anfang an Bescheid wissen und einen natürlichen Umgang mit ihrer Besonderheit lernen.
• Ein weiterer Punkt ist die vielfach beklagte mangelnde ärztliche Kompetenz: Viele Ärzte und auch Psychotherapeuten kennen sich nicht aus, es gibt keine Zentren, die auf die medizinische Behandlung und psychologische Betreuung intersexueller Menschen und deren Eltern spezialisiert sind. Die Ärzte verwenden unterschiedliche Begriffe und Kategorisierungen und lassen einen zudem meist in dem Glauben, die einzigen Betroffenen zu sein.

Die XY-Elterngruppe will sich darum aktiv für die Kompetenzsteigerung von Hebammen, Kinderärzten, Endokrinologen, Kinder- und Jugendgynäkologen, Kinderurologen und Psychotherapeuten bezüglich des Umgangs mit Intersexualität einsetzen. Erster Schritt: An alle Krankenhäuser und Geburtshäuser, Ärzte, Hebammen und Psychotherapeuten soll ein Brief der Gruppe sowie der Flyer der XY-Frauen geschickt werden. Jedes Mitglied der Gruppe soll ein bestimmtes Gebiet übernehmen. Zweiter Schritt: Erstellung einer Empfehlungsliste von kompetenten Fachleuten für Eltern und Betroffene.

Parallel tagten am Samstagnachmittag auch zwei AGs zu speziellen Themen: Ein Gast war die Dipl.-Psychologin Sandra Reinecke. Sie berichtete über ein Projekt, an dem sie zur Zeit arbeitet, und an dem die Uni-Klinik in Hamburg und die Uni-Klinik in Lübeck beteiligt sind.
Da von Betroffenen und auch von Behandlern häufig Studien zu den Folgen der bisherigen Behandlung Intersexueller gefordert werden, sollen in diesem Projekt Informationen gesammelt werden, wie Betroffene im Laufe ihres Lebens mit ihrer besonderen Situation, der Diagnose und den Folgen ihrer Behandlung zurechtgekommen sind.
Hierfür wurde ein umfangreicher Fragebogen erarbeitet. Je mehr Betroffene diesen Fragebogen ausfüllen, desto genauer kann die Auswertung die Bedürfnisse zukünftiger Klienten berücksichtigen.
Der Fragebogen umfasst personenbezogene Fragen sowie die Bereiche Sozialkontakte, Diagnose, Behandlung, Zufriedenheit und psychische Verfassung. Das Ziel ist, herauszufinden, welche Behandlungen wie auf die Entwicklung gewirkt haben.
Es wird versucht, Betroffene einmal über die Ärzteschaft und zum anderen über die Selbsthilfegruppen zu erreichen, um möglichst viele StudienteilnehmerInnen zu erhalten.
Es wurde entsprechendes Info-Material (Forschergruppe Intersex) verteilt, und die Gruppenmitglieder erhielten auf Wunsch ein Exemplar des Fragebogens.

Die Befragung selbst kann auf drei Arten stattfinden:
1. Betroffene suchen nach telefonischer Absprache die Uni-Klinik in Hamburg oder Lübeck auf und füllen dort nach einem kurzen Einführungsgespräch den Fragebogen vor Ort aus. Anschließend ist noch ein weiteres kurzes Gespräch vorgesehen. Fahrtkosten werden erstattet!
2. Die Befragung kann nach telefonischer Absprache auch bei den Betroffenen zu Hause stattfinden.
3. Klienten können sich auch telefonisch melden, werden dann zurückgerufen und bekommen den Fragebogen per Post. Nach Einsendung des Fragebogens soll dann noch eine telefonische Rückmeldung erfolgen.

Ein weiterer Gast bei unserem Treffen war die Ethnologin Claudia Lang, die an einer Studie über Intersex arbeitet. Sie betrachtet den Umgang mit Intersexualität und die gegenwärtigen Veränderungen als ein kulturelles Phänomen. Es geht ihr um Möglichkeiten, sich jenseits von medizinischer Pathologisierung zu beschreiben, um Möglichkeiten des Ausdrucks, die in unserer Kultur gegeben sind, fehlen, oder neu am Entstehen sind. In der Studie geht es vor allem um ein Verstehen von innen heraus. Claudia will mit Betroffenen und Eltern Gespräche führen, die zum einen aus dem Erzählen der Lebensgeschichte, zum anderen aus Stellungnahmen zu aktuell diskutierten Themen bestehen. Kontaktaufnahme mit Claudia Lang ist möglich über info@xy-frauen.de.

Claudia berichtete auch über die Hijras in Indien, die weder Frauen noch Männer sind. Als drittes Geschlecht haben sie in Indien eine bestimmte gesellschaftliche Funktion. Jeder in Indien kennt Hijras und sieht sie als dritte Geschlechtskategorie, aber wer oder was die Hijras genau sind, darüber gehen die Meinungen auseinander, sowohl in der Gesamtgesellschaft als auch bei den von Claudia befragten Hijras. Die Vorstellungen reichen von "Menschen mit einem Geburtsfehler" über "Eunuchen" bis hin zu "Schwulen". Die Hijras bieten ein Auffangbecken sowohl für intersexuelle Menschen und alle, die sich als Nicht-Mann-Nicht-Frau fühlen. Allerdings schließen sich Ärzten zufolge die allerwenigsten intersexuell geborenen Menschen den Hijras an. Besonders die aus den oberen Kasten werden im Krankenhaus von westlich ausgebildeten Ärzten meist in die männliche Richtung operiert und leben ein "normales" Leben als Mann und Familienvater.

Natürlich wurden noch viele andere Themen diskutiert und laufende Projekte besprochen. Im Mittelpunkt stand jedoch wie immer der gegenseitige Austausch im Schutzraum der Gruppe. Hier kann sich jede öffnen und sicher sein, dass ihre Probleme angehört, ihre Wut und/oder Trauer verstanden und ihre Anliegen geteilt werden.

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