Obwohl bereits bei der Verschmelzung von
Ei und Samenzelle das chromosomale Geschlecht des künftigen
Kindes festgelegt wird (46,XX - weiblich, 46,XY - männlich),
entwickeln sich innere und äußere Geschlechtsmerkmale
erst im Verlauf der ersten Schwangerschaftswochen aus einem
neutralen Stadium.
Diese
Entwicklung wird beim männlichen Embryo im wesentlichen durch
das Y-Chromosom gesteuert, das mit der Bildung der Hoden den Weg
zur Erzeugung von Androgenen freigibt, welche im weiteren Verlauf
die Prozesse der Vermännlichung des Embryos einleiten und
regeln.
Fehlt
das Y-Chromosom oder ist seine Wirkung durch bestimmte Umstände
gestört, entwickelt sich der Embryo in die weibliche Richtung.
Die weibliche körperliche Erscheinungsform ist demnach das
Grundmodell der menschlichen Entwicklung.
Dies
hat zur Folge, daß sich durch verschiedene genetisch bedingte
Ursachen ein Embryo trotz des 46,XY-Chromosomensatzes zu einem
äußerlich weiblichen Baby entwickeln kann - daher auch
"testikuläre Feminisierung" (ein Begriff der für
viele Betroffene eher als unangenehm empfunden wird und heute
kaum noch verwendet wird).
Einige
dieser Ursachen sind:
- das
Gewebe ist für Androgene unempfindlich (Androgen Insensibilität,
komplett (CAIS) oder partiell (PAIS))
- die
Ausbildung von Hoden findet aus verschiedenen Gründen
nicht statt (z.B. Swyer's Syndrom oder reine Gonadendysgenesie,
XO/XY-Mosaik usw.)
-
fehlende Entwicklung der Zellen in den Hoden durch mangelnde
Reaktion auf Hormone der Hirnanhangdrüse (z. B. Leydig-Zell-Agnesie
oder -hypoplasie)
-
Enzymstörungen in der Biosynthese von männlichen
Hormonen (Androgenen) (z. B. 5-Alpha-Reductase-Mangel, 17-Beta-HSD-Mangel
usw.)
In unserer Selbsthilfegruppe haben sich bisher Betroffene mit
folgende Syndromen zusammengefunden:
CAIS
(Complete Androgen Insensitivity Syndrom - Komplette Androgen-Resistenz)
Bei
diesem Syndrom werden im Embryonalstadium Hoden ausgebildet, die
Androgene (z. B. Testosteron) ausschütten. Aufgrund eines
gar nicht auf die Androgene reagierenden Rezeptors können
die Körperzellen diese Hormone nicht verarbeiten. Obwohl
die inneren Fortpflanzungsorgane in männliche Richtung angelegt
werden, formt sich die äußere Körperstruktur weiblich
aus, da die Hoden auch Östrogene bilden und die erzeugten
Androgene teilweise vom Körper in Östrogene umgewandelt
werden. Die betroffenen Frauen haben daher eine weibliche äußere
Erscheinungsform. Die Vagina kann verkürzt sein, und die
Scham- und Achselbehaarung wird nicht ausgebildet. Da weder Uterus
noch Eierstöcke angelegt werden, bleibt die Menstruation
aus.
PAIS
(Partial Androgen Insensitivity Syndrom - Partielle Androgenresistenz)
In
diesem Fall ist der Rezeptor nur teilweise, und zwar in unterschiedlichen
Ausprägungsformen, in seiner Funktion eingeschränkt.
Daher können Androgene bereits im Embryonalstadium eine vermännlichende
Wirkung entfalten. Dies setzt sich dann in der Pubertät fort,
so daß das äußere Erscheinungsbild leicht bis
stärker vermännlicht sein kann.
Swyer's
Syndrom oder Reine Gonadendysgenesie
In
diesem Fall arbeitet das auf dem Y-Chromosom liegende SRY-Gen
nicht. Dieses Gen veranlaßt u. a. die Ausbildung von Hoden.
Daher befinden sich bei diesen Betroffenen anstelle der Gonaden
im kleinen Becken bindegewebige weißliche Stränge,
sog. "Streaks", die keine Keimzellen enthalten und keine
Hormone erzeugen.
Betroffene haben eine normale Vagina und einen Uterus, aber ohne
ausreichende Hormonproduktion erfolgt in der Pubertät keine
Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale wie z. B. Brustentwicklung
und Schambehaarung. Durch eine Hormon-Ersatz-Therapie kann die
Pubertätsentwicklung ausgelöst werden.
Gemischte
Gonadendysgenesie
In
diesem Fall ist auf einer Seite die Gonade unterentwickelt, und
auf der anderen Seite findet sich ein mehr oder weniger ausdifferenzierter
Hoden. Das äußere Genital ist in unterschiedlicher
Weise vermännlicht mit phallusähnlicher Klitoris, die
in der Pubertät weiter wachsen kann. Eine Brustentwicklung
bleibt meist aus.
5-Alpha-Reductase-Mangel
Bei
dieser Enzym Störung werden die Androgene zwar normal gebildet,
können aber aufgrund eines Enzymmangels in den entsprechenden
Zielorganen nicht ihre volle Wirkung entfalten. Die phänotypische
Erscheinungsform ist weiblich mit unterschiedlich starker Klitoris
Vergrößerung. In der Pubertät setzt eine spontane
Vermännlichung ein (Wachstumsschub, maskuline Muskulaturentwicklung,
Stimmbruch, Klitoriswachstum). Die Entwicklung weiblicher Brüste
unterbleibt.
17-
Beta- Hydroxysteroid- Dehydrogenase- Mangel (17-Beta-HSD-Mangel)
Dieser
Enzymmangel hat zur Folge, daß die Testosteron-Vorstufe
Androstendion nicht in ausreichendem Maße in Testosteron
umgewandelt wird, um die komplette männliche Entwicklung
zu bewirken.
Die betroffenen Personen werden bis zur Pubertät als normale
Mädchen angesehen. In der Pubertät beginnt eine spontane
Vermännlichung (Stimmbruch, Klitorisvergrößerung,
Schambehaarung und Körperform nach männlichem Muster
etc. ) Teilweise kann auch eine Brustentwicklung einsetzen.
Außer
diesen Formen gibt es noch eine Vielzahl weiterer Enzymstörungen,
die in unterschiedlicher Weise Auswirkungen auf die Synthese von
Androgenen haben. Die phänotypischen Erscheinungsformen sind
entsprechend vielfältig vom rein weiblichen Erscheinungsbild
bis zu starker Vermännlichung. zurück
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