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Wir
sind eine Kontaktgruppe für Menschen, die sich mit der Problematik
auseinandersetzen müssen, nicht ohne weiteres in die gängigen
Mann/Frau-Schemata hineinzupassen. Uns allen gemeinsam ist ein
männlicher XY-Chromosomensatz bei einem weiblichen äußeren
Erscheinungsbild. Damit sind wir eine Familie im großen
Clan der Menschen zwischen den Geschlechtern, den Intersexuellen,
von denen es viele, viele verschiedene gibt, die vielfach öffentlich
unbekannt sind und zum Teil auch voneinander gar nicht wissen.
Wir haben uns zusammengeschlossen, um die Isolation aufzubrechen,
zu der die Gesellschaft viele intersexuelle Menschen verdammt
- sei es aus Unkenntnis und Unsicherheit, falscher Scham und Scheu,
sei es aus Borniertheit und biologischem Dünkel. In unserer
Gruppe tauschen wir unsere eigenen Erfahrungen aus und setzen
uns gemeinsam dafür ein, andere aufzuklären, Informationen
und Gespräche anzubieten und den öffentlichen Dialog
über diese biologische Spezialität anzuregen, zu steuern
und idealerweise den empfindlichen Umgang mit diesem Thema zu
entkrampfen …
Nochmal
von vorn:
Wie war das mit dem männlichen Chromosomensatz?
Ganz
einfach, ein XY-Chromosomensatz allein macht noch keinen Mann.
Damit sich das genetische Geschlecht vollständig ausprägen
kann, ist neben dem XY-Chromosomensatz die aktive Einwirkung von
männlichen Geschlechtshormonen (Androgenen, z.B. Testosteron)
erforderlich. Allerdings sind selbst diese Hormone kein Garant
dafür, daß ein männlicher Körper entsteht.
Denn die Körperzellen müssen auch auf die männlichen
Hormone reagieren können. Ist aber die männliche Hormonwirkung
an der Körperzelle komplett oder teilweise blockiert, wächst
bereits im Mutterleib ein Fötus mit weiblichem äußeren
Erscheinungsbild heran. Wir halten fest: Eine weibliche Körperform
mit weiblichen äußeren Genitalien stellt das menschliche
„Basismodell" dar, dem wir in unserem Fall den Namen
XY-Frau gegeben haben.
Wie
sieht eine XY-Frau aus, wie fühlt sie sich?
Eine
XY-Frau ist äußerlich nicht von einer XX-Frau zu unterscheiden.
Unbekleidet können eine spärliche bis fehlende Achsel-
und Schambehaarung oder eine vergrößerte Klitoris auffallen.
Entsprechend der individuellen Ausprägung ihrer Hormonblockade
haben viele XY-Frauen ein eindeutig weibliches Selbstbewußtsein
und eine weibliche Gefühlslage, viele aber auch nicht. Wie
das? Zwar werden XY-Frauen als Mädchen geboren, erzogen und
sozialisiert. Doch die Entwicklung vom Kind zur Frau konfrontiert
die meisten XY-Frauen oft ganz unversehens mit einer Vielzahl
von Problemen und Nöten. Diese Probleme, die fast alle in
einem brüchigen Selbstbild als Folge verstörender Reaktionen
der Umwelt wurzeln, beginnen meist in der Pubertät, wenn
die Besonderheiten der XY-Frauen offenkundig werden.
Welches
sind die Besonderheiten?
Bei
der XY-Frau sind, dem Chromosomensatz entsprechend, embryonale
Hoden angelegt, die männliche Hormone bilden und ausschütten.
Durch die Wirkungsblockade an den Körperzellen kommt es allerdings
nicht zur Weiterentwicklung eines männlichen Körpers,
sondern zur Ausbildung einer weiblichen Körperform. Dabei
entwickeln sich die Embryonalhoden ab der sechsten Schwangerschaftswoche
nicht weiter, sie verbleiben meist im Bauchraum als die haselnußkleinen
Gonaden, die sie sind. Parallel dazu wird die Entwicklung von
weiblichen inneren Geschlechtsorganen durch ein hemmendes Hormon
verhindert. Der XY-Frau fehlen also die inneren weiblichen Geschlechts-
bzw. Fortpflanzungsorgane, sprich: Gebärmutter, Eileiter
und Eierstöcke. Die Scheide ist im allgemeinen verkürzt
und endet blind. Das erklärt, warum XY-Frauen keine Monatsblutungen
haben und keine leiblichen Kinder bekommen können.
Ist
die Hormonblockade immer gleich stark ausgeprägt?
Nein.
Es gibt zahlreiche Ausprägungsformen dieser Hormonblockade
oder auch Androgen-Resistenz (im englischen Sprachgebrauch wird
von Androgen Insensitivity Syndrome, kurz: AIS gesprochen). Wenn
wir männlich und weiblich als Endpunkte einer Geschlechter-Skala
voraussetzen, kann sich das geschlechtliche Erscheinungsbild bei
AIS zwischen diesen Endpunkten fließend bewegen. Das Spektrum
spannt sich auf zwischen der kompletten Androgen-Resistenz (Complete
Androgen Insensitivity Syndrome, CAIS) mit weiblichem körperlichen
Erscheinungsbild einerseits und einer nicht vollständigen
Hormonblockade (Partial Androgen Insensitivity Syndrome, PAIS)
auf der anderen Seite, deren großer Vielfalt von körperlichen
Erscheinungsformen eine vordergründige Zuordnung in männlich
oder weiblich nicht immer gerecht werden kann. Die Androgen-Resistenz/AIS
ist damit eine Spielart der Intersexualität und daher ein
Mosaikstein zwischen den Geschlechtern.
Welche
anderen Bezeichnungen/Synonyme gibt es?
Man
spricht auch von Androgen-Rezeptordefekt, Androgen-Resistenz,
Testikuläre Feminisierung, männlicher Pseudohermaphroditismus,
Goldberg-Maxwell-Syndrom (CAIS), Morris-Syndrom (CAIS), Lub-Syndrom
(PAIS), Reifenstein-Syndrom (PAIS) und Gilbert-Dreyfus-Syndrom
(PAIS).
Was
wollen wir bewegen, wen wollen wir erreichen?
Wir
suchen den Kontakt zu möglichst vielen Menschen, die mit
dem Thema XY-Frau und Intersexualität aktiv oder passiv konfrontiert
sind. Mit allen Beteiligten, das heißt den XY-Frauen und
anderen Intersexuellen, deren Eltern und den betreuenden Ärzten/Psychologen
wollen wir einen Dialog eröffnen. Unsere Zielsetzung ist
es, über Kommunikation, persönliche Kontakte und Beratung
für alle eine Entspannung der Situation und Verbesserung
der Lebensqualität zu erreichen. Die Eigenverantwortung eines
jeden für seine körperlich-geschlechtliche Identität
muß für alle Beteiligten selbstverständlich sein,
genauso wie das Recht auf Selbstbestimmung und körperliche
Unversehrtheit. Die Definition von Intersexualität als Krankheit
ist nicht angemessen. Daher ist eine Abkehr vom bisherigen Krankheitsdenken
notwendig, um den Menschen an sich wahrzunehmen: mit seiner individuellen
Körperlichkeit und jenseits von starren Geschlechtseinordnungen.
Auf dieser Basis kann konstruktive Arbeit miteinander beginnen.
Wir halten es für erforderlich, allen Beteiligten ausführliche
Informationen über notwendige Therapien wie z.B. Hormonersatztherapie,
Scheidenoperationen und Osteoporosevorbeugung bereitzustellen
und Entscheidungshilfen bei der Planung eventuell notwendiger
operativer Eingriffe anzubieten.
Das
Leben ist schön!
Wissen
ist Macht — oder macht zumindest vieles leichter. Erst das
umfangreiche, lückenlose Wissen und das daraus automatisch
resultierende Selbstbewußtsein machen einen offenen Umgang
zwischen Eltern und intersexuellen Kindern, zwischen Familien
und Medizinern, Betroffenen und ihrer Umgebung möglich, der
wegführen muß von Scham und Schuldgefühlen. Wir
wollen nie vergessen, jede Existenz ist Geschenk und Aufgabe zugleich.
Wie vielen Menschen wird es aufgrund herrschender Strukturen und
fehlender Alternativen schwerer als nötig gemacht, das Geschenk
anzunehmen und sich der Aufgabe zu stellen, die immer inklusive
ist! Unser Wunsch ist, daß beides leichter werden soll.
Beginnen wir also damit, behutsam die Strukturen zu hinterfragen,
sie langsam aufzubrechen und Schritt für Schritt Alternativen
zu erarbeiten!
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